ADHS bei Frauen? Kein Thema. Eine Glosse

Gerade bin ich eine Mischung aus fassungslos, schockiert, empört und amüsiert. Und das kommt so:

Aktuell beschäftige ich mich mit Neurodivergenz. Dabei interessieren mich insbesondere die Lebensrealitäten und Herausforderungen erwachsener Betroffener, mit besonderem Fokus auf von ADHS betroffene Frauen. Aspekte wie späte oder fehlende Diagnose, geschlechtsspezifische Unterschiede in den Erscheinungsformen, und ja, Leidenswegen, Veränderungen über die Lebensspanne hinweg interessieren mich unter anderem. Eine ganz gute Beschäftigung, während ich auf eine eigene Abklärung warte, seit unterdessen anderthalb Jahren. Besser spät als nie, oder jetzt kommt es auch nicht mehr darauf an, oder so ähnlich.

Jedenfalls, ich sammle laufend Wissenshappen und Wortmeldungen, vielfach über professionelle soziale Medien, und füge meiner Bibliothek laufend Artikel und Bücher hinzu. Mit dem Lesen hinke ich hinterher, es kommt ja auch dauernd etwas dazwischen, aber das ist eine andere Geschichte, oder eben gerade nicht.

Jedenfalls, heute also wollte ich wieder einmal ein wenig suchen, und zwar im Bibliothekskatalog meines Hochschulverbunds. Auf verschlungenen Wegen war ich auf ein brandneues Buch aufmerksam geworden von Julia Frey zu Frauen mit ADHS und dachte mir erstens, «muss ich haben, sofort», und zweitens, das wird sicher zugänglich sein über unsere Bibliothek. Also flugs gesucht unter «Frauen ADHS», und weil ich im Jahr 2026 auf ein eBook hoffe, gleich auf online verfügbare Quellen eingeschränkt.

Nun haltet euch fest. Es wird grossartig. Setzt euch hin. Gefunden wurden: 4 Quellen. Ganze vier! Aber es kommt noch besser. Nebst einer (hervorragenden) Qualifikationsarbeit, die sich tatsächlich mit ADHS bei Frauen befasste, gab es noch zur Auswahl: «Jungen verstehen», «Zwischen Teddybär und Superman – was Eltern über Jungen wissen müssen» und ein Buch über eine «Stoffwechselstörung HPU», von der ich noch nie gehört habe und nicht wusste, dass mich die interessiert. Well. Ich würde ja sagen: Item, aber das versteht wieder keine/r.

Während ich mich noch lache und weine, entstehen ein paar wilde ad hoc-Hypothesen. Was legt diese Anekdote denn eigentlich nahe? Worauf müssten Studierende schliessen, die die Bibliothek als erste Anlaufstelle durchsuchen würden, würden sie das im KI-Zeitalter noch tun? Hier ein paar meiner unsortierten Gedanken: Neurodivergenz ist kein Thema. Präziser: Neurodivergenz, darunter ADHS, bei Frauen ist nicht nur ein Randthema, sondern sogar so gar kein Thema. Frauen kommen im Diskurs höchstens in Form von Müttern von Kindern mit Neurodivergenz vor, vielleicht. Und: Studierende der Hochschule sind dem Diskurs um 10 Jahre voraus – die Qualifikationsarbeit wurde 2015 geschrieben. Differenzierter:  Unsere Bibliothek hat keinen Fokus auf Neurodivergenz, schon gar nicht bei Frauen. Sie ist auch nicht aktuell bestückt, das Buch ist wohl zu «neu». Wer bestückt die denn, muss ich das tun?

Und während ich eigentlich Julia Freys vielversprechendes Buch beschaffen will,

  • entsteht der Entwurf einer Mail an die Absolventin, weil mich interessiert, wo sie unterdessen wirkt – und es ist mehr als gut möglich, dass er im Entwurfsordner liegen bleibt
  • überlege ich, an wen ich meinen Anschaffungswunsch richten muss, verirre mich auf der Suche nach der Ansprechperson im Intranet und lese ein paar alte News, die ich verpasst habe
  • recherchiere ich zu der Stoffwechselstörung, zu der ich keine einschlägigen Infos finde und mich frage, ob sie existiert und wie man das wissen kann, was mich zum Diskurs über Desinformation führt, womit das nächste Fass offen ist, vielen Dank auch
  • schildere ich die Empörung in einer ausführlichen Sprachnachricht an eine Freundin
  • trinke Hustentee und messe Fieber
  • frage bei der Diagnostik nach, ob eine Abklärung noch dieses oder doch erst nächstes Jahr wahrscheinlich ist
  • und schreibe diese Glosse.

Über die Diagnostik und Intervention in Therapie und Coaching für Frauen mit ADHS, um die es in dem Buch geht, werde ich noch eine Weile nichts erfahren und kann nur hoffen, dass ich mich nachher noch erinnere, dass ich das Buch beschaffen wollte. Da fällt mir ein, dass ich zuerst eine Lesestrategie aufstellen muss – eine, die nun aber wirklich ein für alle Mal taugt. Zum Glück ist ADHS bei Frauen kein Thema.